Scam oder Liebe: ein Augenblick aus Russland.

Die russische Internetkriminalität schreitet rasend schnell voran. Nach Angaben von Interpol liegt das vor allem daran, dass Internetanschlüsse zu Hause auch für weniger gut verdienende Russen leistbar geworden sind. Diese möchten sich nun durch ihre kriminellen Handlungen ihren Monatslohn etwas aufbessern. Der Erfolg gibt ihnen derzeit noch recht. Das Geld aus dem Westen gelangt auf ihr Bankkonto, und ihre fragwürdigen Aktivitäten werden wenig bis gar nicht zu Anzeige gebracht.

Was wird genau gemacht?

Der russische Betrüger erstellt auf russischen und internationalen (kostenlosen) Online Partnerbörsen Profile von jungen Damen, und schmückt sie mit Bildern von attraktiven Frauen, die er zuvor im Internet zusammengestohlen hat, aus. Kommt es nun zur Kontaktaufnahme eines interessierten Herren aus dem Westen, wird ihm glaubhaft vermittelt er wäre tatsächlich in Kontakt mit jener Dame die am Profil zu sehen ist.

Wie läuft der Betrug ab?

In den meisten Fällen läuft der Betrug schablonenhaft ab. Beim Köder handelt es sich fast immer um ein junges Mädchen dass noch zu Hause bei ihrer Mutter in einer engen Wohnung lebt, und von einem kargen Gehalt einer ungebliebten Tätigkeit ihr Dasein fristen muss. Das Alter des Mädchens oder der Dame passt sich immer den Wünschen und Vorstellungen des Mannes an. Je nachdem wie die Antworten ausfallen, passen die Betrüger ihre nächsten eMails darauf an. Für jede Reaktion gibt es eine passende Antwort. Im Idealfall lädt das Opfer die vermeintliche Dame zu sich nach Hause ein. Die psychologische Manipulation hat da schon voll gewirkt. Der Mann aus dem Westen fühlt sich als Held der das hübsche unglückliche Mädchen aus Russland aus ihrer unmöglichen Situation befreit. Genau jetzt zappelt das Opfer am Haken, und die Betrüger brauchen sich nur noch an seinem Guthaben bedienen. Das Mädchen hat natürlich kein Geld um sich ein Flugticket leisten zu können. Ausserdem benötigt sie einen Reisepass, denn Urlaub hat sie sich ja noch nie leisten können. Darüberhinaus hat sie auch kein Geld für das Visum übrig. Das alles kostet Geld, und bezahlen soll natürlich, der reiche Mann aus dem Westen, wenn er das hübsche Mädchen bei sich haben möchte.

Hat er nun bezahlt und die Reise sollte für seine Herzensdame beginnen, wird aus dem Warten am Flughafen auf ihre Ankunft nur eine herbe Enttäuschung. Die Angebetete steigt nämlich nicht aus dem Flugzeug. Etwas später wird er erfahren dass sie auf ihren Weg zum Flugzeug überfallen wurde, und nur mit viel Glück dem gewaltsamen Tod entrinnen konnte. Wie man es bereits erahnen kann, sollen weitere Zahlungen nach Russland folgen. Sobald die Zahlungen aber abgebrochen werden, wird auch der Kontakt zum Opfer abgebrochen. Das Geld ist weg, und der Dame konnte noch nicht einmal die Hand geschüttelt werden.

Wer steckt dahinter?

Die Erfahrungen des Rechtsanwaltes als Untersuchungsrichter mit diesem Thema erlaubt ihm die kriminalistischen Besonderheiten der Täter herauszuarbeiten. Der durschnittliche Scammer ist Junggeselle, zwischen 18 und 30 Jahre alt, in der Regel hat er einen Hochschulabschluss, ist Student, oder hat eine feste Arbeits oder Lehrstelle. Sein Einkommen kann man im mittleren Bereich ansiedeln. Er ist aktiver Internetnutzer, und in den überwiegend meisten Fällen nicht vorbestraft. Auch Alkoholiker und Drogensüchtige kommen für diese kriminelle Tätigkeit so gut wie nie vor. Dieses Profil ist jedoch nur für die Einzelgänger unter den Tätern gültig.

Dass Verbrechen mit der vorgetäuschten Liebe hat in Russland aber schon so grosse Dimensionen erreicht, dass sich in einigen Gebieten bereits richtige Verbrechergruppen gebildet haben, die ihre Sache im grossen Stil durchziehen. Besonders in den Städten Joschkar-Ola (250.000 Einwohner) und Kazan (1,1 Millionen Einwohner) ist das der Fall. Die Mitgliederzahlen dieser Gruppen bestehen oft zwischen 10 und 40 Personen. Sie haben ihre Tätigkeit auf breitem Fuss gestellt, wie man in Russland sagt, und weisen eine strenge Hierarchie auf. Die Rollen sind klar verteilt, und natürlich folgt auch die Verteilung der Beute einem klaren Schema dass der Hierarchie der Gruppe entspricht.

Bei den grossen Verbrechergruppen gibt es einen richtigen Schichtdienst beim Beantworten der e-Mails oder der Erstellung von gefälschten Profilen. Die Computer befinden sich meist in gemieteten Wohnungen und ähneln Grossraumbüros. Der Schriftwechsel erfolgt stur nach sorgfältig erstellten Schablonen, abhängig von der Situation, vom Benehmen, und vom Inhalt der e-Mails des Ausländers.

Immer öfter werden auch Dolmetscherinnen (in der Regel Studentinnen) zum Schriftverkehr hinzugezogen, um die Korrespondenz mit Opfern, die nicht der englischen Sprache mächtig sind, zu erleichtern. Hier zeigt sich oft schon ein Fortschritt der Täter gegenüber früher. Vor einigen Jahren hat man sich noch mit Google Translate Übersetzungen zufrieden gegeben. Jetzt hat man das mit richtigen Übersetzerinnen bereits perfektioniert. Man sieht also wie viel Geld in dieser kriminellen Tätigkeit steckt.

Die Schablonen der Täter für den Schriftverkehr

Wie sehen diese Schablonen der Täter für den Schriftverkehr nun aus? Auch hier kann uns der Rechtsanwalt Auskunft geben. Die Schablonen gelten als sehr einfach, und sind sich für alle Tätergruppen sehr ähnlich. Wahrscheinlich wird keine Tätergruppe das Rad neu erfinden, und eher auf die bereits vorhandenen Textbausteine der Mitbewerber zugreifen, als sich selbst den Kopf über neue innovative Schablonen zu zerbrechen.

In Russland spricht man bei diesen Schablonen über “lyrische Geschichten”. Es wurde weiter oben bereits etwas darauf eingegangen. Ein junges Mädchen oder eine Dame im besten Alter, zwischen 25 und 40 Jahre alt, mit einem langweiligen Leben, die mit ihrer Mutter in einer kleinen Wohnung einer russischen Provinzstadt haust. Mit den bisherigen Männern in Russland hatte sie immer Pech, und das ist auch der Grund warum sie einen Ausländer aus dem Westen sucht, der sie aus ihrer beklemmenden Situation befreien kann. Ihr Leben wird als schwer und sinnlos beschrieben. Sie ist arm, hat einen Monatslohn um die 7000 Rubel (270 Euro), und arbeitet in der Regel als Lehrerin, Krankenschwester, oder Sekretärin. Sie besitzt kein Mobiltelefon und keinen Computer. Sie kann ihre e-Mails daher nur von ihrem Arbeitsplatz oder von einem Internet Cafe aus beantworten. Die Täter wenden dabei geschickt alle psychologischen Tricks an. Nachdem die Dame sich in den Ausländer verliebt hätte, erweckt im Opfer nun der Eindruck er müsse die arme Prinzessin nun zu sich in den Westen holen, weil er sie eines besseren Lebens würdig erachten würde. Der Mann fühlt sich nun als edler Ritter, der die Angebetete jetzt aus ihrem hoffnungslosen Leben retten möchte.

Wieviel Geld wird damit verdient?

Der Jahresumsatz einer einzigen Gruppe beträgt bis zu 5 Millionen Euro.

Wer sind die Opfer?

In der Mehrzahl handelt es sich um Deutsche, Schweizer, Österreicher, und US-Amerikaner. Es sind natürlich auch Männer aus Nord, West und Südeuropa davon betroffen, bei den Männern aus deutschsprachigen Ländern und den USA sind es aber auffällig mehr.

Die Opfer haben oft eine falsche Vorstellung vom Leben im Russland. Sie glauben das Land wäre in allen Aspekten eine sehr zurückgebliebene Nation, den afrikanischen Staaten ähnlich. Und daher nehmen sie an, jede schöne Frau wäre sofort bereit einen Ausländer zu heiraten, ohne ihn vorher gesehen zu haben.

Wie kann man den Betrug erkennen?

Wie bereits oben erwähnt benutzen die Täter vorgefertigte Schablonen. Es sollte daher keine grosse Schwierigkeit darstellen den Schwindel rasch zu erkennen. Auch die gleichen Profilbilder werden oft unter verschiedenen Namen veröffentlicht. Wie bereits oben erwähnt machen sich die Betrüger das falsche Bild der Opfer über Russland zunutze. Jede schöne Frau in Russland würde sofort einen Ausländer aus dem Westen heiraten, ohne ihn vorher gesehen zu haben. Das entspricht in keinster Weise der Realität. Mit etwas gesundem Misstrauen und Menschenverstand müsste der Betrug eigentlich zu riechen sein, noch bevor Geld nach Russland fliesst.

Schnelle Liebeserklärungen sind meist ein erster Hinweis darauf dass man es hier mit einem Datingbetrüger zu tun hat. Viele detaillierte Fragen über ihre Region und deren Besonderheiten und ihr alltägliches Leben, haben die Betrüger auch nicht gerne. Ebenso kann über einen russischen Rechtsanwalt leicht überprüft werden ob die Person real überhaupt exisitiert. Die Kosten des Rechtsanwaltes stehen dabei in keinem Verhältnis mit den Kosten eines möglichen Betruges.

Warum werden die Täter nicht bestraft?

Ohne Zweifel herrscht in diesem kriminellen Bereich eine gewisse Straffreiheit. Der Grund sind aber nicht die laschen russischen Gesetze, sondern einfach weil es den Opfern oft zu mühsam und sinnlos erscheint, eine Anzeige in Russland zu erstatten, und die Täter strafrechtlich verfolgen zu lassen. Das macht es für die russischen Scammer auch so interessant in diese kriminellen Geschäfte einzusteigen. Es ist ohne Zweifel viel Geld zu verdienen, und das Risiko vor einem Richter zu landen ist, im Vergleich zu anderen kriminellen Tätigkeiten, sehr gering.

Die Straffälle, die im Verfahren der Ermittlungsorganen sich befinden und die vor Gericht gekommen sind, sind nur die Spitze des Eisbergs. Über die meisten begangenen Verbrechen ist es den Rechtsschutzorganen wegen des Nichtvorhandenseins der Klagen der Betroffenen, nichts bekannt.

Ich möchte die ausländischen Staatsbürger, die die Dating Seiten besuchen, ansprechen und den Rat geben, möglichst viel über die Frau (ihr Region und seine Besonderheiten, das Lebensniveau u.ä.), mit der er im Schriftwechsel steht, zu erfahren und den plötzlich entstandenen Liebeserklärungen nicht vertrauen. Bevor Sie das Geld überweisen, empfehle ich zu überprüfen, ob diese Person real existiert oder nicht. Im Notfall können Sie sich an den Rechtsanwalt  wenden und eine Beratung bekommen. Falls Sie Opfer der Scammer geworden sind, müssen Sie in jedem Fall eine Strafklage zur Ermittlung und Strafverfolgung der Täter einreichen, die die Straffreiheit der Schwindler nicht zulassen. In dem Letzten gibt es Nutzen, weil in viele Fällen nach der Einleitung der Strafverfahren, haben die Scammer freiwillig das entzogene Geld zurückgegeben, um vom Gericht eine Möglichkeit zur Nachsicht bei der Verurteilung zu verdienen. Sie sind auch berechtigt,  im Rahmen der Strafverfahren die Anschlußklage für  die Betreibung  Ihres Geldes anmelden.

Dieser Artikel ist verfasst von Rechtsanwalt Lychagin Ivan,

Mitglied der Rechtsanwaltskammer der Region Krasnodar der Russischen Föderation

verarbeitet von Herrn D. Hammer.

Bei der Vorbereitung dieses Artikels sind die Materialen der ofiziellen Seite des Ministeriums des Inners der RF, der Staatsanwatschaft der Republik Marij-El und der stadt Joschkar-Ola, Zeitung der Stadt Joschkar-Ola, sowie die Materialen der Straffälle und der Rechstanwaltsakten.

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